Logbuch der Freiheit

Liberale Perspektiven – Markt, Moral, und Medien

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Individualismus und Kollektivismus: Wer ist Fundament, wer Abgrund von Solidarität und Moral?

– von dem Gemeinsinn des Individuums,  falscher Solidarität und dem vermeintlichen Endzeitkampf des Egos

 

Neulich konfrontierte mich ein alteingesessener Konservativer mit dem Vorwurf:

Der Individualismus führt uns in eine Gesellschaft, in der jeder seine Interessen auf Kosten der Gesellschaft auslebt, in der ein „Jeder-gegen-Jeden“ statt ein Zusammengehörigkeitsgefühl herrscht, in der es keine Moral gibt.

Auch an Beispielen mangelte es ihm nicht: So sei unsere „konsumgeile“ Gesellschaft ein Zeugnis des Individualismus, die „fehlende soziale Verantwortung“ zeuge von einem „schwachen Kollektivismus“.

Zunächst: Der fundamentale Unterschied zwischen Individualismus und Kollektivismus besteht darin, dass der Kollektivismus die Werte, Regeln und Gesetze bevorzugt, die dem Kollektiv, also einer Gruppe von Individuen – wie beispielsweise in Form des Staatsvolks – am dienlichsten sind. Die Parole „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ beschreibt dabei die Unterwürfigkeit des Eigeninteresses vor dem „Gemeinschaftsgefühl“.

Verteidiger der kollektivistischen Idee lehnen zwar dessen totalitären Auswüchse  in Form von Sozialismus ab, sind aber überzeugt, dass der durch den Individualismus entfesselte Mensch nicht harmonisch, sondern rein egoistisch handle – Kooperation könne nicht existieren. In einer Gesellschaft bedürfe es „gemeinsamer Werte“, die durch die Institution Staat betoniert werden müssten.

Der Individualismus hingegen pocht auf den Willen des Individuums – dessen Interessen, Wünsche und Handlungen dürften auch entgegen des Volkswillens wirken. Die Freiheit des Individuums führe zu Wohlstand und Harmonie.

Im Folgenden werde ich

A) beweisen, dass die Natur des Menschen auch ein gesellschaftliches Bedürfnis enthält, das nicht auf einen materiellen Vorteil ausgerichtet ist.

B) zeigen, dass der Mensch – von Natur aus – zu Solidarität neigt und erläutern, was geschieht, wenn stattdessen falsche Solidarität von kollektivistischen Systemen erzwungen wird.

A): Endzeitstimmung: Ausbeutung. Jeder gegen jeden. Entfesseltes Ego, das auf  grenzenlosen Eigennutz auf Kosten anderer ausgerichtet ist.

Schluss mit Hollywoodfilmen und apokalyptischer Romantik über die Natur des Menschen.

Es ist richtig, dass der Mensch grundsätzlich versucht, das zu tun, was ihm – vermeintlich und subjektiv – am meisten nützt. Es ist jedoch nicht nur der biologische Trieb der Fortpflanzung, der den Säuger vor sich hertreibt – im Gegenteil: So erkannte der anarcho-libertäre Autor Stefan Blankertz in seinem Werk Das libertäre Manifest treffend, dass das menschliche Verhalten ebenso von Werten und Handlungen gekennzeichnet ist, die der effektiven genetischen Fortpflanzung diametral gegenüberstehen.

So widerlegt allein die Trauer die Hypothese, der Mensch handle stets so, dass er den größtmöglichen Selektionsvorteil und finanziellen Vorteil hat. Trauer bietet keinen Selektionsvorteil und keinen finanziellen Vorteil, macht das Individuum sogar angreifbarer. Auch existieren Werte und Normen, die Blankertz These stützen: Loyalität, Ehre und Pflichtgefühl bieten keinen Selektionsvorteil und zeugen von Charakterzügen des Menschen, die nicht auf seinen eigenen Vorteil, sondern auf den eines anderen Individuums gerichtet sind.

Blankertz beschreibt selbst Beispiele des Tierreichs, die die Vorstellung der rein zerstörerischen Natur des Menschen widerlegen:

Albatrosse bleiben einander treu, auch wenn sie nicht
mehr fortpflanzungsfähig sind. Dies ist eine mit der
menschlichen Lebenserwartung etwa gleich lange Zeit:
Albatrosse werden bis zu 80 Jahre alt, hören aber mit
rund 60 Jahren auf, sich zu vermehren.
Bei den Tokos findet ein Weibchen in der Brutzeit,
wenn ihr Männchen getötet wird, schnell einen »Witwentröster
«, der sich – entgegen dem soziobiologischen
Kalkül – mit Hingabe der Versorgung des Nachwuchses
widmet, der von einem anderen stammt.

Wir sehen: Neben dem Streben nach materiellem Gewinn und Fortpflanzung scheint es ein Bedürfnis nach Gesellschaft zu geben. Dem Individuum sind scheinbar die Nettokosten, die es für die Befriedigung dieses gesellschaftlichen Bedürfnisses aufbringen muss, geringer, als es der Wert der Befriedigung des gesellschaftlichen Bedürfnisses ist.

Dies zeigt, dass scheinbar altruistische Handlungen, also Handlungen, die einem anderen Individuum Vorteile verschaffen und dem eigenen Organismus schaden, ebenso eigensinnige Handlungen sind – dies wird in der Biologie auch als reziproker Altruismus beschrieben und ist in keiner Weise verwerflich, wie ich nun beweisen werde.

So ist die vermeintliche Selbstaufgabe  in Form von Engagement, beispielsweise für Obdachlose, eine eigensinnige Handlung: Die Befriedigung dieser Tätigkeit ist dem Individuum – subjektiv – mehr wert als zeitlicher und finanzieller Aufwand. Das Tauschgeschäft verschafft beiden Parteien Vorteile: Befriedigung auf der einen, materielle Verbesserung auf der anderen Seite.

Essenz: Die Handlungen des Menschen sind stets auf seinen Vorteil ausgerichtet – dieser Mehrwert ist stets subjektiv und kann finanzieller oder geistiger Natur entspringen. Eigensinn oder Egoismus bedeuten jedoch nicht, dass der Mensch nur zu Handlungen neigt, die anderen Individuen entgegengesetzt sind. Er hat stets ein Bedürfnis nach Gesellschaft, also freiwilliger Kooperation.

Konsequenz: Aus dem Bedürfnis nach Gesellschaft ergibt sich, dass der Mensch zur Befriedigung dieses Bedürfnisses auch zeitlichen oder finanziellen Aufwand tätigt, ebenso an Harmonie interessiert ist, ohne die Gesellschaft nicht möglich wäre. Aufgrund der Subjektivität kann es keine übergeordnete Instanz geben, die die Befriedigung des Einzelnen kennt.

B) Entgegen meiner These, dass das gesellschaftliche Bedürfnis des Individuums auf Freiwilligkeit beruht und der Natur des Menschen entspringt, fordert der Kollektivismus meist einen Staat, der „gemeinsame Werte“ aufgrund von zwei Argumenten manifestieren dürfe.

1. Es gäbe Werte, die jeder teile.

Kollektivisten setzten voraus, dass es Werte gäbe, die von jedem Individuum geteilt werden – anmaßend zwingen sie dem Individuum in Wahrheit ihre subjektiven Werte auf. Allein der Widerspruch eines Individuums delegitimiert diese Argumentation.

2. Es gäbe Werte, die erhaltenswert sind, der menschlichen Natur aber diametral gegenüberstünden.

Die heilige Kuh ist meist die „Solidarität“. Der Staat müsse den Bürgern die Solidarität aufzwingen.

In Wahrheit ist der Staat jedoch der Räuber der Moral, der dem Individuum die moralische Verantwortung raubt. Die Tatsache, dass sowohl karitative und soziale Einrichtungen existieren, zeugt von einem reziproken Altruismus – kaum ein Mensch würde behaupten, dass er sich am Leid eines beispielsweise Obdachlosen ergötze. Dass vermehrt Parteien gewählt werden, die sich für den Erhalt des Sozialstaats einsetzen, beweist zusätzlich, dass die Fürsorge für die Schwachen vielen Menschen wichtig ist. Andersrum gefragt: Wieso haben wir einen Sozialstaat, wenn doch jeder Mensch – wie von Kollektivisten behauptet – seine Vorteile auf Kosten anderer durchsetzt? Auch das Christentum ist Beweis für die Existenz der freiwilligen Solidarität in Form der „Nächstenliebe“.

Der Staat pervertiert jedoch den Begriff  „Solidarität“: Statt freiwilliger Hilfe, also wirklicher Solidarität, die aus moralischer Überzeugung speist, bezeichnet die falsche Solidarität heute den anonymen und die Freiheit verletztenden Umverteilungsapparat.

Blankertz beschreibt den Raub der Moral treffend anhand eines Beispiels:

Stellen wir uns folgende Situation vor: Es gibt drei Kollegen,
Jürgen, Martin und Harald. Alle drei planen nacheinander,
ein Haus zu bauen. Harald, der als erster ein Haus baut,
erhält kostenlose Hilfe von Jürgen. Ebenfalls hilft Jürgen Martin
beim Hausbau. Aber als Jürgen selbst ein Haus baut, helfen
ihm weder Harald noch Martin […]. Es ist rational für Jürgen, auf Harald und Martin Druck auszuüben, ihm beim Hausbau zu helfen. Dieser Druck wird
mit großer Sicherheit von den meisten anderen Bekannten der
drei Männer unterstützt werden. Denn der moralische Maßstab
orientiert sich nicht am aufopfernden, sondern am reziproken
Altruismus. Insofern wird der soziale Verband eine
Konformitätspolitik betreiben, das heißt, den Egoisten Harald
und Martin so lange Nachteile bescheren, bis sie die Gegenseitigkeit
der Hilfe wieder herstellen.

Stellen wir uns vor, die Hilfe, die Jürgen
bei Haralds und Martins Hausbau leistet, sei nicht im gegenseitigen
Einverständnis erfolgt. Vielmehr nimmt der Staat
Jürgen über die Steuern Geld ab, um damit den Hausbau der
anderen beiden zu subventionieren. Wenn Jürgen ein Haus
baut, »nimmt« er (indirekt) Steuergeld von Harald und Mar-
tin, um ihm die gleiche Unterstützung zukommen zu lassen.
Die Konformitätspolitik ist zu einem anonymen Mechanismus
geworden. Das entlastet den einzelnen, aber es reduziert natürlich
das Gefühl der moralischen Gegenseitigkeit.

Essenz: Während Harald und Martin in Gedankenexperiment eins eine moralische Verpflichtung haben, Jürgen zu helfen, so sind sie von ihrer moralischen Verantwortung in Gedankenexperiment zwei beraubt worden. Während sie in Gedankenexperiment eins die Folgen ihres Handelns kalkulieren müssen, also in Kauf nehmen, dass Jürgen ihnen zukünftig nicht mehr hilft, sind beide in Gedankenexperiment zwei von solchen Überlegungen befreit. Die Moral verkommt und der Einzelne ist – geschützt durch die Anonymität der steuerlichen Umverteilung – geneigt, den höchstmöglichen und zumal auch rücksichtslosesten Profit aus diesem Mechanismus zu schlagen.

 

FAZIT:

Der Mensch sehnt sich nach Gesellschaft – er ist bereit, dafür einen Selektionsnachteil zu akzeptieren.

Der Mensch ist – von Natur aus – zur freiwilligen Solidarität geneigt, weswegen soziale Einrichtungen und letztlich auch der Sozialstaat existieren. Die freiwillige Solidarität beruht auf moralischer Verbindlichkeit.

Die vermeintliche Selbstaufopferung als Beweis für den Altruismus ist vielmehr Ausdruck eigensinnigen Handelns: Der geistige Wert der reziprok altruistischen Handlung scheint dem Individuum größer als die finanziellen und zeitlichen Aufwendungen.

Der Kollektivismus greift die moralische Verantwortung an und mündet schlussendlich in der Vorstellung der „Jeder-gegen-Jeden“-Gesellschaft, die – ironischerweise – dem Individualismus vorgeworfen wird.

 

Nächste Woche widmen wir uns den Fragen: Ist eine wirklich freie Gesellschaft eine utopische Vorstellung? Bedeutet das Nicht-Vorhandensein eines Systems auch dessen Unmöglichkeit?

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