Logbuch der Freiheit

Liberale Perspektiven – Markt, Moral, und Medien

II. Endstation Demokratie und Etatismus?

– der Wettkampf der Systeme: die permanente Systemselektion

TEIL II

Ein besonderes Leckerli der etatistischen Avantgarde ist das Existenzargument – jeder angestrebte Systemwandel, der keine Beispiele in der Zeitgeschichte vorzuweisen hat, sei automatisch utopisch und unmöglich. Schließlich setze man auf altbewährte Ideen, frei nach Adenauers „Keine Experimente!“.

Dieses Argument verbindet die Staatstreuen (Etatisten) mit den Konservativen: Der Staat wird als natürliche, beinahe gottgegebene Macht angesehen. Wer an dieser Prophezeiung zweifelt, gilt meist als verrückt oder realitätsfern.

Privatisierung des Bildungssystems? Es gibt kein ausschließlich privates Bildungssystem auf dieser Welt! Unmöglich!

Freie Währungskonkurrenz? Dafür gibt es keine funktionierenden Beispiele! Unmöglich!

Niemand würde leugnen, dass die oben genannten Forderungen noch keine Paradebeispiele vorweisen können. Doch bedeutet die Nicht-Existenz eines Systems, dass dieses schlechter als das jetzige System wäre? Bedeutet die Tatsache, dass kein funktionierendes System dieser Art vorgeführt werden kann, dass es niemals existieren kann?

Würde man diesem Argument folgen, so stellt sich zwangsläufig die Frage: Wenn nur das System beziehungsweise der Gedanke realistisch oder nicht-utopisch ist, der in der Realität eine existente Form vorzuweisen hat, wie kann dann Fortschritt entstehen? Wäre dann nicht jeder neue philosophische Gedanke, jede neue technische Errungenschaft und jede Änderung des Status quo eine Utopie?

Im Gegenteil: Grenzen müssen überwunden und neue Gedanken gefasst werden. Geschieht dies nicht, stagniert der Fortschritt, denn die Selektion wird nur dann aktiv, wenn mindestens zwei unterschiedliche Individuen/Systeme existieren. Wettbewerb kann logischerweise nicht entstehen, wenn es sich um zwei gleiche Produkte handelt, die den gleichen Preis fordern.

Fortschritt im Sinne von Anpassungen ist zudem ein natürliches Phänomen – es gibt kein Lebewesen, dessen Form und Gestalt, dessen Eigenschaften und Gewohnheiten sich im Lauf der Zeitgeschichte nicht drastisch geändert haben. Die Weiterentwicklung jeglichen Lebens basiert auf spontanen Mutationen, die wenigen Individuen einen Selektionsvorteil verschaffen – die Folge: Die eher angepassten Individuen setzen sich gegen die nicht angepassten Individuen durch und vererben ihr genetisches Material überproportional.

Wichtig ist, dass dieser biologische Vorgang als fließender, niemals endender Prozess verstanden wird – überlebensfähig ist, wer ausreichend angepasst ist. Die „perfekte“ Beschaffenheit eines Lebewesens existiert nicht. Lebewesen A kann heute noch überlebensfähig sein, morgen aber schon negativ selektiert werden.

Das beste Beispiel ist der Mensch: Der Mensch ist überlebensfähig, doch er ist keineswegs perfekt. Beispielsweise besitzt er den unnützen Blinddarm. Höchstwahrscheinlich – um bei diesem Beispiel zu bleiben – werden sich die Individuen durchsetzen, die durch zufällig Mutationen keinen Blinddarm besitzen und somit nicht dessen Entzündungspotential ausgesetzt sind.

Gleiches gilt für die Systemfrage: Unser System, der „demokratische“ Etatismus ist nicht für die Ewigkeit gemeißelt – es ist momentan ausreichend angepasst, keineswegs perfekt oder ein „Endziel“, das erstrebenswert wäre. Jedes System, jede technische Errungenschaft, jeder Gedanke ist temporär – anfangs revolutionär, später normal, letztendlich aber überholt.

Konkret könnte sich die Systemselektion folgendermaßen abspielen: Stellen wir uns ein beliebiges Land X vor. Die momentane Form des Zusammenlebens ist a) von einem Staatswesen und b) von einer demokratischen Ordnung gekennzeichnet. Dieses System bildet den Status quo, da es den Anforderungen seiner Umwelt, also den dort lebenden Menschen entspricht. Diese fordern a) einen Lenker in Form des Staates und b) Mehrheitsvoten für jede Entscheidung, die das „Gemeinwohl“ tangiert.

Nehmen wir nun an, dass die Nachbarn von X, nämlich Y und Z  im gleichen System leben.

Nun kommt es zum entscheidenden Bruch, zum Auslöser des Selektionsprozesses: Die Menschen in Land X, Y und Z ändern ihre Erwartungshaltung. Sie sind überzeugt, dass das System der Demokratie mit einer „Diktatur der Massen“ gleichzusetzen ist. Sie lehnen es – aufgrund ihres langjährigen Erfahrungsschatzes – ab, dass sie sich Mehrheitsentscheidungen unterwerfen müssen. Auch kommen sie zu der Einschätzung, dass die Bewältigung der „öffentlichen Aufgaben“ dem freien Wettbewerb übergeben werden sollte, der Staat also keine Monopolstellung in puncto Bildung, Sicherheit, Infrastruktur u.s.w. haben dürfe.

Die Menschen in Land X ergreifen die Initiative und leben fortan in einer staatsfreien Gesellschaft, beispielsweise nach Vorbild einer Privatrechtsgesellschaft. Nun wirkt der Selektionsdruck: Die Systeme der Länder Y und Z, die immer noch aus einem demokratischen Etatismus bestehen, werden langfristig negativ selektiert. Wieso? Die Menschen in den Ländern Y und Z werden sich den Vorteilen des neuen Systems von Land X bewusst und ziehen eine Auswanderung nach X in Betracht. Schlussendlich werden die Systeme in Y und Z nicht mehr zu finanzieren sein – sie wurden negativ selektiert beziehungsweise eliminiert. Stellt sich jedoch heraus, dass das neue System in Land X keinen Vorteil zum Status quo bietet, so wird dieses zwangsläufig negativ selektiert.

Die Zeitgeschichte ist der Beweis: Der Mensch reagiert auf seine neue Erwartungshaltung und seine Ansprüche mit dem Finden von neuen Systemformen – die Systeme, die dann den Ansprüchen tatsächlich besser gerecht werden, sind den alten Systemen überlegen und werden positiv selektiert.

Fazit: Die Selektion ist ein fließender Prozess – alle momentanen Systeme/Errungenschaften/Lebewesen sind temporär, bezogen auf die Selektion „ausreichend angepasst“, aber keineswegs perfekt. Der Zustand der Perfektion ist utopisch – er wird niemals erreicht werden, da sich die Anforderungen an das System/Errungenschaften/Lebewesen ändern. Auch Demokratie und Etatismus sind also temporär.

Im nächsten Beitrag widmen wir uns der libertären Kartelltheorie, die besagt, dass Kartelle auf einem freien Markt langfristig nicht existieren können.

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I. Das Utopieargument an zwei Beispielen

– warum vermeintliche Vorwürfe nur Scheinargumente sind; von Gewinnmaximierung und Markttransparenz

TEIL I

„Utopie“ – ein inflationär gebrauchter Begriff geistert in den Medien. Ursprünglich handelte es sich dabei um ein literarisches Werk namens „Utopia“, das vom Autor Thomas Morus verfasst wurde. Mit der Politisierung der Gesellschaft mutierte jedoch die Bedeutung des Begriffs: Eine Utopie – so die Definition vieler – sei eine illusionäre Wunschvorstellung, die a) der Natur des Menschen oder ökonomischen Gesetzen widerspreche und deswegen nicht zu realisieren sei – oder – b) in der heutigen Welt nicht existiere, es also kein funktionierendes Beispiel für die „utopische“ Gesellschaftsform gäbe.

Im Folgenden möchte ich Argument a) widerlegen. Beide Fragen sind zu umfangreich für einen einzigen Artikel, weswegen ich b) im nächsten Artikel behandle.

Die Anklage möchte ich anhand von zwei Beispielargumenten anführen (weitere Utopievorwürfe können in den Kommentaren hervorgebracht werden): Eine freie Gesellschaft, in der es keine staatliche Regelungen gibt, sei utopisch und widerspreche der menschlichen Natur und den Gesetzen der Ökonomie. Zum einen – so Kritiker – spielten auch andere Faktoren als die Gewinnmaximierung eine Rolle, zum anderen sei die völlige Markttransparenz ein Zustand, der in der Realität nicht erreicht werden könnte und deswegen staatliche Lenkungen rechtfertigen würde.

Zunächst: Der Begriff der „Gewinnmaximierung“ wird häufig missverstanden. Wie schon im letzten Artikel gezeigt, ist der Gewinn nicht auf den finanziellen Gewinn zu begrenzen, sondern stets subjektiv. Ein Tauschgeschäft, das A tätigt, kann für B als schlechte Entscheidung gewertet werden, während es für A der subjektiven „Gewinnmaximierung“ entsprach. Entscheidend ist außerdem der Begriff des Strebens: Kritiker des Liberalismus reiben sich gern die Hände, indem sie anführen, dass die Marktteilnehmer häufig Geschäfte tätigten, die in keinem Fall einer Gewinnmaximierung entsprechen würden. Dieser Tatbestand widerspricht jedoch nicht dem Theorem: Das Irren ist ebenso menschlich und ist ein wesentlicher Teil einer funktionierenden Ökonomie. Unternehmer A strebt nach Gewinn, tätigt verschiedene Investitionen – ein Großteil dieser stellt sich als Verlustgeschäft heraus. Die Folge ist: A wird in Zukunft diese Investitionen meiden und das Kapital in die gewinnbringenden Äste investieren. A strebt also nach Gewinn, ist aber nicht vom Irren befreit.

Essenz: Die Gewinnmaximierung ist also stets als Versuch zu verstehen und das menschliche Irren ist aufgrund von Informationsdefiziten natürlich. Gewinnmaximierung kann sich im Streben nach finanziellem Gewinn oder emotionalen Glücksgefühlen äußern.

Auch die lückenlose Informationsbasis über den Gütermarkt wird falsch interpretiert – richtig ist, dass es in einem etatistischen System, das sich durch einen intervenierenden Staat kennzeichnet, keine umfassende Markttransparenz geben kann. Die österreichische Schule der Nationalökonomie mit ihren Denkern Mises, Baader und insbesondere dem Nobelpreisträger F. A. Hayek erkannte das Wesen unserer Ökonomie treffend. Denn diese ist keine Maschine, sondern ein lebendiger Organismus, der sich aus den Marktteilnehmern zusammensetzt – weder gibt es „Ziele der Wirtschaft“ noch existiert ein Rezept oder Hebel, der eine Wirtschaft „antreiben kann“. Der Markt besteht aus Individuen und jedes Individuum besitzt Interessen und Informationen – der Preis bündelt diese Informationen und es gilt: Je stärker der freie Markt, umso besser kann der Informationskommunikator, nämlich die Marktwirtschaft wirken. Die vollständige Markttransparenz kann jedoch nicht erreicht werden, was daran liegt, dass Informationen stets ungleich verteilt, also niemals vollständig sind. Jedoch ist die absolute Markttransparenz keine Notwendigkeit für eine freie Gesellschaft, denn Hayeks Konjunkturtheorie begründet richtig, dass es die Aufgabe der Unternehmer ist, die vorhandenen Informationen bestmöglich zu bündeln und vorteilhaft zu nutzen. Da jedoch niemals alle Marktinformationen – auch nicht durch den Preis – gebündelt werden können, unterliegt jedes wirtschaftliche Subjekt einem Risikofaktor (wie im Beispiel des Unternehmers A beschrieben) und passt sein Handeln durch einen immerwährenden Lernprozess an.

Die FAZ fasste Hayeks Informationstheorie prägnant zusammen:

Die Antwort lieferte Hayek mit einer neuen Interpretation des Preismechanismus und des Wettbewerbs. Flexible relative Preise sind das Scharnier, das die staunenswerte Koordination der individuellen Pläne ermöglicht – ohne dass ein „Mastermind“ den Prozess überwachen muss.

Es reicht aus, dass sich die Menschen frei, im Rahmen ihres Wissens und innerhalb ihres Umfeldes an sich ändernde ökonomische Umstände anpassen. In welcher Weise sie das tun sollten, können sie an der Veränderung der Preisrelationen ablesen. Ein Produzent beispielsweise braucht nicht zu wissen, wieso ein für ihn relevanter Rohstoff vom anderen Ende der Welt teurer wird. Es reicht, dass er die Tatsache zur Notiz nimmt und seine Nachfrage drosselt oder verschiebt – womit er unbeabsichtigt selbst Teil einer Wissen vermittelnden und neuschaffenden Kette wird. Wenn auf dem Markt Wettbewerb herrscht, steckt im relativen Preis gebündelt alle Information, die erforderlich ist. Im Umkehrschluss schmälert freilich alles, was den Wettbewerb hemmt und die Preisrelationen verzerrt, die Möglichkeit, das verstreute Wissen zu nutzen und zu mehren.

Dass der Preismechanismus fähig ist, eine spontane „Wissensteilung“ analog zur Arbeitsteilung zustande zu bringen, war die eine große Entdeckung, auf die Hayek stets besonders stolz war.

Staatliche Interventionen, sei es durch keynesianische Konjunkturprogramme oder durch Leitzinsmanipulation haben zur Folge, dass der Preis nicht mehr die gebündelten Informationen der Marktteilnehmer in Form von Angebot und Nachfrage widerspiegelt , sondern diese Komponenten verzerrt. In einem interventionistischen System kann eine allmächtige Markttransparenz nicht existieren. So hatte der Sozialismus stets mit einem unlösbaren Problem zu kämpfen: Die Ressourcen konnten nicht effizient verteilt werden. Setzt der Staat Preise fest, so blockiert er den Informationsfluss durch den Markt. Die staatliche Planungspolitik ist stets an Weltmarktpreisen orientiert und diese setzen sich aus marktwirtschaftlichen Prozessen zusammen. Die sozialistische Planungspolitik läuft somit der freien Marktwirtschaft hinterher, ist sogar auf sie angewiesen, da sich in einem sozialistischem System kein korrekter Preis bilden kann – wer nur des Konkurrenten Schatten jagt, wird diesem immer unterworfen sein.

Essenz: Eine absolute Markttransparenz kann und muss nicht erreicht werden. Sie äußert sich im Preismechanismus und ist umso größer, je weniger der Staat eingreift.

FAZIT: Zwei Utopievorwürfe konnten entkräftet werden. Das menschliche Handeln ist stets von subjektiver Nutzenmaximierung gekennzeichnet und die Markttransparenz kann nur in einer freien Gesellschaft erhöht werden.

Es gibt noch eine Vielzahl an anderen Vorurteilen und Scheinargumenten. Ein beliebtes Argument  ist das historische Argument, das lautet: „Es gab noch niemals System A, deswegen kann System A nicht funktionieren.“

Nächste Woche werden wir in Teil II das historische Argument prüfen.

Individualismus und Kollektivismus: Wer ist Fundament, wer Abgrund von Solidarität und Moral?

– von dem Gemeinsinn des Individuums,  falscher Solidarität und dem vermeintlichen Endzeitkampf des Egos

 

Neulich konfrontierte mich ein alteingesessener Konservativer mit dem Vorwurf:

Der Individualismus führt uns in eine Gesellschaft, in der jeder seine Interessen auf Kosten der Gesellschaft auslebt, in der ein „Jeder-gegen-Jeden“ statt ein Zusammengehörigkeitsgefühl herrscht, in der es keine Moral gibt.

Auch an Beispielen mangelte es ihm nicht: So sei unsere „konsumgeile“ Gesellschaft ein Zeugnis des Individualismus, die „fehlende soziale Verantwortung“ zeuge von einem „schwachen Kollektivismus“.

Zunächst: Der fundamentale Unterschied zwischen Individualismus und Kollektivismus besteht darin, dass der Kollektivismus die Werte, Regeln und Gesetze bevorzugt, die dem Kollektiv, also einer Gruppe von Individuen – wie beispielsweise in Form des Staatsvolks – am dienlichsten sind. Die Parole „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ beschreibt dabei die Unterwürfigkeit des Eigeninteresses vor dem „Gemeinschaftsgefühl“.

Verteidiger der kollektivistischen Idee lehnen zwar dessen totalitären Auswüchse  in Form von Sozialismus ab, sind aber überzeugt, dass der durch den Individualismus entfesselte Mensch nicht harmonisch, sondern rein egoistisch handle – Kooperation könne nicht existieren. In einer Gesellschaft bedürfe es „gemeinsamer Werte“, die durch die Institution Staat betoniert werden müssten.

Der Individualismus hingegen pocht auf den Willen des Individuums – dessen Interessen, Wünsche und Handlungen dürften auch entgegen des Volkswillens wirken. Die Freiheit des Individuums führe zu Wohlstand und Harmonie.

Im Folgenden werde ich

A) beweisen, dass die Natur des Menschen auch ein gesellschaftliches Bedürfnis enthält, das nicht auf einen materiellen Vorteil ausgerichtet ist.

B) zeigen, dass der Mensch – von Natur aus – zu Solidarität neigt und erläutern, was geschieht, wenn stattdessen falsche Solidarität von kollektivistischen Systemen erzwungen wird.

A): Endzeitstimmung: Ausbeutung. Jeder gegen jeden. Entfesseltes Ego, das auf  grenzenlosen Eigennutz auf Kosten anderer ausgerichtet ist.

Schluss mit Hollywoodfilmen und apokalyptischer Romantik über die Natur des Menschen.

Es ist richtig, dass der Mensch grundsätzlich versucht, das zu tun, was ihm – vermeintlich und subjektiv – am meisten nützt. Es ist jedoch nicht nur der biologische Trieb der Fortpflanzung, der den Säuger vor sich hertreibt – im Gegenteil: So erkannte der anarcho-libertäre Autor Stefan Blankertz in seinem Werk Das libertäre Manifest treffend, dass das menschliche Verhalten ebenso von Werten und Handlungen gekennzeichnet ist, die der effektiven genetischen Fortpflanzung diametral gegenüberstehen.

So widerlegt allein die Trauer die Hypothese, der Mensch handle stets so, dass er den größtmöglichen Selektionsvorteil und finanziellen Vorteil hat. Trauer bietet keinen Selektionsvorteil und keinen finanziellen Vorteil, macht das Individuum sogar angreifbarer. Auch existieren Werte und Normen, die Blankertz These stützen: Loyalität, Ehre und Pflichtgefühl bieten keinen Selektionsvorteil und zeugen von Charakterzügen des Menschen, die nicht auf seinen eigenen Vorteil, sondern auf den eines anderen Individuums gerichtet sind.

Blankertz beschreibt selbst Beispiele des Tierreichs, die die Vorstellung der rein zerstörerischen Natur des Menschen widerlegen:

Albatrosse bleiben einander treu, auch wenn sie nicht
mehr fortpflanzungsfähig sind. Dies ist eine mit der
menschlichen Lebenserwartung etwa gleich lange Zeit:
Albatrosse werden bis zu 80 Jahre alt, hören aber mit
rund 60 Jahren auf, sich zu vermehren.
Bei den Tokos findet ein Weibchen in der Brutzeit,
wenn ihr Männchen getötet wird, schnell einen »Witwentröster
«, der sich – entgegen dem soziobiologischen
Kalkül – mit Hingabe der Versorgung des Nachwuchses
widmet, der von einem anderen stammt.

Wir sehen: Neben dem Streben nach materiellem Gewinn und Fortpflanzung scheint es ein Bedürfnis nach Gesellschaft zu geben. Dem Individuum sind scheinbar die Nettokosten, die es für die Befriedigung dieses gesellschaftlichen Bedürfnisses aufbringen muss, geringer, als es der Wert der Befriedigung des gesellschaftlichen Bedürfnisses ist.

Dies zeigt, dass scheinbar altruistische Handlungen, also Handlungen, die einem anderen Individuum Vorteile verschaffen und dem eigenen Organismus schaden, ebenso eigensinnige Handlungen sind – dies wird in der Biologie auch als reziproker Altruismus beschrieben und ist in keiner Weise verwerflich, wie ich nun beweisen werde.

So ist die vermeintliche Selbstaufgabe  in Form von Engagement, beispielsweise für Obdachlose, eine eigensinnige Handlung: Die Befriedigung dieser Tätigkeit ist dem Individuum – subjektiv – mehr wert als zeitlicher und finanzieller Aufwand. Das Tauschgeschäft verschafft beiden Parteien Vorteile: Befriedigung auf der einen, materielle Verbesserung auf der anderen Seite.

Essenz: Die Handlungen des Menschen sind stets auf seinen Vorteil ausgerichtet – dieser Mehrwert ist stets subjektiv und kann finanzieller oder geistiger Natur entspringen. Eigensinn oder Egoismus bedeuten jedoch nicht, dass der Mensch nur zu Handlungen neigt, die anderen Individuen entgegengesetzt sind. Er hat stets ein Bedürfnis nach Gesellschaft, also freiwilliger Kooperation.

Konsequenz: Aus dem Bedürfnis nach Gesellschaft ergibt sich, dass der Mensch zur Befriedigung dieses Bedürfnisses auch zeitlichen oder finanziellen Aufwand tätigt, ebenso an Harmonie interessiert ist, ohne die Gesellschaft nicht möglich wäre. Aufgrund der Subjektivität kann es keine übergeordnete Instanz geben, die die Befriedigung des Einzelnen kennt.

B) Entgegen meiner These, dass das gesellschaftliche Bedürfnis des Individuums auf Freiwilligkeit beruht und der Natur des Menschen entspringt, fordert der Kollektivismus meist einen Staat, der „gemeinsame Werte“ aufgrund von zwei Argumenten manifestieren dürfe.

1. Es gäbe Werte, die jeder teile.

Kollektivisten setzten voraus, dass es Werte gäbe, die von jedem Individuum geteilt werden – anmaßend zwingen sie dem Individuum in Wahrheit ihre subjektiven Werte auf. Allein der Widerspruch eines Individuums delegitimiert diese Argumentation.

2. Es gäbe Werte, die erhaltenswert sind, der menschlichen Natur aber diametral gegenüberstünden.

Die heilige Kuh ist meist die „Solidarität“. Der Staat müsse den Bürgern die Solidarität aufzwingen.

In Wahrheit ist der Staat jedoch der Räuber der Moral, der dem Individuum die moralische Verantwortung raubt. Die Tatsache, dass sowohl karitative und soziale Einrichtungen existieren, zeugt von einem reziproken Altruismus – kaum ein Mensch würde behaupten, dass er sich am Leid eines beispielsweise Obdachlosen ergötze. Dass vermehrt Parteien gewählt werden, die sich für den Erhalt des Sozialstaats einsetzen, beweist zusätzlich, dass die Fürsorge für die Schwachen vielen Menschen wichtig ist. Andersrum gefragt: Wieso haben wir einen Sozialstaat, wenn doch jeder Mensch – wie von Kollektivisten behauptet – seine Vorteile auf Kosten anderer durchsetzt? Auch das Christentum ist Beweis für die Existenz der freiwilligen Solidarität in Form der „Nächstenliebe“.

Der Staat pervertiert jedoch den Begriff  „Solidarität“: Statt freiwilliger Hilfe, also wirklicher Solidarität, die aus moralischer Überzeugung speist, bezeichnet die falsche Solidarität heute den anonymen und die Freiheit verletztenden Umverteilungsapparat.

Blankertz beschreibt den Raub der Moral treffend anhand eines Beispiels:

Stellen wir uns folgende Situation vor: Es gibt drei Kollegen,
Jürgen, Martin und Harald. Alle drei planen nacheinander,
ein Haus zu bauen. Harald, der als erster ein Haus baut,
erhält kostenlose Hilfe von Jürgen. Ebenfalls hilft Jürgen Martin
beim Hausbau. Aber als Jürgen selbst ein Haus baut, helfen
ihm weder Harald noch Martin […]. Es ist rational für Jürgen, auf Harald und Martin Druck auszuüben, ihm beim Hausbau zu helfen. Dieser Druck wird
mit großer Sicherheit von den meisten anderen Bekannten der
drei Männer unterstützt werden. Denn der moralische Maßstab
orientiert sich nicht am aufopfernden, sondern am reziproken
Altruismus. Insofern wird der soziale Verband eine
Konformitätspolitik betreiben, das heißt, den Egoisten Harald
und Martin so lange Nachteile bescheren, bis sie die Gegenseitigkeit
der Hilfe wieder herstellen.

Stellen wir uns vor, die Hilfe, die Jürgen
bei Haralds und Martins Hausbau leistet, sei nicht im gegenseitigen
Einverständnis erfolgt. Vielmehr nimmt der Staat
Jürgen über die Steuern Geld ab, um damit den Hausbau der
anderen beiden zu subventionieren. Wenn Jürgen ein Haus
baut, »nimmt« er (indirekt) Steuergeld von Harald und Mar-
tin, um ihm die gleiche Unterstützung zukommen zu lassen.
Die Konformitätspolitik ist zu einem anonymen Mechanismus
geworden. Das entlastet den einzelnen, aber es reduziert natürlich
das Gefühl der moralischen Gegenseitigkeit.

Essenz: Während Harald und Martin in Gedankenexperiment eins eine moralische Verpflichtung haben, Jürgen zu helfen, so sind sie von ihrer moralischen Verantwortung in Gedankenexperiment zwei beraubt worden. Während sie in Gedankenexperiment eins die Folgen ihres Handelns kalkulieren müssen, also in Kauf nehmen, dass Jürgen ihnen zukünftig nicht mehr hilft, sind beide in Gedankenexperiment zwei von solchen Überlegungen befreit. Die Moral verkommt und der Einzelne ist – geschützt durch die Anonymität der steuerlichen Umverteilung – geneigt, den höchstmöglichen und zumal auch rücksichtslosesten Profit aus diesem Mechanismus zu schlagen.

 

FAZIT:

Der Mensch sehnt sich nach Gesellschaft – er ist bereit, dafür einen Selektionsnachteil zu akzeptieren.

Der Mensch ist – von Natur aus – zur freiwilligen Solidarität geneigt, weswegen soziale Einrichtungen und letztlich auch der Sozialstaat existieren. Die freiwillige Solidarität beruht auf moralischer Verbindlichkeit.

Die vermeintliche Selbstaufopferung als Beweis für den Altruismus ist vielmehr Ausdruck eigensinnigen Handelns: Der geistige Wert der reziprok altruistischen Handlung scheint dem Individuum größer als die finanziellen und zeitlichen Aufwendungen.

Der Kollektivismus greift die moralische Verantwortung an und mündet schlussendlich in der Vorstellung der „Jeder-gegen-Jeden“-Gesellschaft, die – ironischerweise – dem Individualismus vorgeworfen wird.

 

Nächste Woche widmen wir uns den Fragen: Ist eine wirklich freie Gesellschaft eine utopische Vorstellung? Bedeutet das Nicht-Vorhandensein eines Systems auch dessen Unmöglichkeit?

Der Libertäre ist des Konservativen Freund

– warum der Klang der Freiheit jeden Konservativen glücklich stimmen muss.

Eine alte Feindschaft, auflodernd in Gesellschaft und Politik und genährt von Klischees und Vorurteilen, wird immer dann ausgepackt, wenn sich Konservativismus und Liberalismus zu verbünden drohen und die Vorhaben der (Brüsseler) Eliten zu sabotieren versuchen. „Turbokapitalismus“ sei das Übel des Liberalismus, schreien die einen, „Stillstand“ sei das Laster des Konservativismus, betonen jene.

Klar ist: Es besteht eine Vielzahl an inhaltlichen Differenzen, die auch kein Blogeintrag zu lösen vermag. Beispielhaft dafür ist nicht etwa – wie von den meisten vermutet – die Einstellung zu Familie, Tradition und Religion, sondern die Drogenkriminalität: Die Fronten sind gesetzt – Repressionspolitik auf der einen, Legalisierungsmaßnahmen auf der anderen Seite. Einigung? Undenkbar! Doch bedeutet dies das Aus für eine libertär-konservative Zweckallianz? Der Name sagt es: Eine Zweckallianz benötigt keine vollständige programmatische Übereinstimmung, sondern nur einende Schnittmengen.

Doch wenn der Konservative nicht des Libertären Feind ist und auch der Konservative den Libertären nicht bekämpfen sollte, wer ist dann die gemeinsame Variable, der gemeinsame Gegner? Um diese Frage zu beantworten, muss die essentielle Schnittmenge der Konservativen und Libertären extrahiert werden.

Womöglich wage ich mich mit der folgenden Hypothese auf Glatteis, werde womöglich sogar von Konservativen korrigiert: Die Quadriga des Konservativismus – die der libertäre Autor André Lichtschlag zunächst dem Christentum zuordnete – besteht aus Familie, Religion, Tradition und Eigentum.

Die traditionelle und füreinander sorgende Familie solle – wie es das Grundgesetz gebietet – beschützt werden, die christliche Religion weiterhin ihren Platz in Deutschland haben, Bräuche und Tradition auch an die nächste Generation weitergegeben werden.

Auch der Begriff des Eigentums spielte – wenn auch nicht mit einer solchen Ausprägung wie im Liberalismus – stets eine Rolle.

Nun, der Liberalismus steht keinem dieser Ziele im Weg – im Gegenteil: Zur Durchsetzung dieser – für mich als Liberalen ebenso erhaltenswerten Ziele – eignet sich der Liberalismus hervorragend, denn die Lösung liegt nicht im oft geforderten „starken Staat“, sondern im Gegenteil, in dem gesellschaftspolitisch schwächeren Staat, der zugunsten der Freiheit und des Wettbewerbs abgebaut wird.

So ist es gerade der vermeintliche Hüter dieser Werte, der sie zu untergraben versucht: Ob durch die staatliche Erziehung, die das familiäre Leben  immer früher angreift und das Kind aus dem sicheren Umfeld Familie in die Kitas zieht; ob durch propagandaähnliche Meinungsvorgaben, die der Staat – vor allen Dingen – der katholischen Kirche vorsetzt und die stark an einen Kulturkampf 2.0 erinnern; ob durch verschandelnde Eingriffe in die deutsche Sprache, die im  Dienst der irrationalen Hokus-Pokus „Gender-Mainstream“- Forschung stehen oder ob durch eine sich ausbreitende Steuerkrake, die niemals satt zu sein scheint:

Der Staat schwächt die Quadriga der Konservativen und diese versuchen, Gift mit Gift zu bekämpfen.

Die libertäre Antwort: Staat begrenzen, Freiheit gewähren! Konkret: Eltern besäßen die freie Wahl, ihr Kind im eigenen Haus zu erziehen und auch zu bilden. Wären diese rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen, die Kita und die Staatsschule also der familiären Konkurrenz ausgesetzt, für wen würde sich wohl ein Großteil der Eltern entscheiden? Für die unterbezahlte Kita-Erzieherin und den dogmatischen Lehrer oder für die eigene Fürsorge im eigenen Heim?

Die momentane Steuerlast erdrückt die Familien – war es früher noch möglich, eine Familie vom Gehalt des Vaters zu ernähren, so ist dies heute eher Utopie als Realität. Turbokapitalismus? Wohl eher die staatliche Abgabenquote von mehr als 70%! Die Sorge, nicht auch noch ein zusätzliches Kind von dem Überbleibsel des staatlichen Eingriffs in die Kasse durchfüttern zu müssen, mindert sich proportional zum Abbau der Steuerkrake.

Gleiches gilt für die Altersversorgung: Setzte man die staatlichen Heime in direkte Konkurrenz zu privaten und familiären Alternativen, wer würde sich durchsetzen? Der nicht subventionierte staatliche Heimplatz für 4000€ monatlich oder die Unterbringung in der Familie, womöglich durch eine Vollzeitbetreuung für circa 2000€ monaltich unterstützt?

Nichts ist der Familie so förderlich wie Freiheit und Wettbewerb – selbst die eingefleischte Konservative Birgit Kelle ist überzeugt, dass Freiheit der Schlüssel zu mehr Familie sei.

Auch der oft zitierte „Nichtsglauben“ der Deutschen – oder auch als „Nihilismus“ bekannt – ist kein zufälliges Produkt unserer Zeit, sondern rührt von der konsequenten Vertreibung der Kirchen aus unserer Privatsphäre. Waren früher die Kirchen die sozialen Anlaufstellen, waren es früher die Kirchen, die Wissen vermittelten und Menschen ausbildeten, so ist es heute der Monopolist, der Staat. Wettbewerb? Fehlanzeige! Nicht Solidarität und die christliche Nächstenliebe sorgen heute für das Wohl der Armen, sondern Papa Staat – und das auch noch höchst ineffizient. Die Kirche ist dem Staat gewichen und jene sieht tatenlos zu und stimmt zudem noch eine Ode auf die Enteignungsmanöver unserer Politiker an.

Auch der Tradition käme die Freiheit zugute. Tradition basiert immer auf Freiwilligkeit – nur im Sozialismus versuchte man staatliche Tradition auf Rezept zu verordnen, was sich unter anderem in der musikalischen Richtung des „Neuen Sozialismus“ ausdrückte. Statt russischer Folklore gab es nun Fabriklärm, der die Vorstellung des Marx’schen Klassenkampfs bis in die letzte Ecke der Privatsphäre treiben sollte.

Man stelle sich eine Gesellschaft vor, die vor einem  „Kultusministerium“ verschont bliebe, das Alice Schwarzers übersubventionierten „Frauenturm“ als Kultur zu verkaufen versucht. Man stelle sich ein Europa ohne eine Europäische Kommission vor, die durch ein in Brüssel gebautes Museum die Parole „Frieden oder EU!“ propagiert und die Zeitgeschichte vor der EU als Abfolge von Katastrophen und totalitären Regimen darstellen möchte. Eine Kultur lebt von ihrer alleinigen Beständigkeit durch die Gesellschaft und ist ein Ausdruck von friedlicher und freiwilliger Kooperation – eine subventionierte Kultur ist nicht zu kulturellem Fortschritt fähig.

Zuletzt das Eigentum: Nicht der freie Markt greift das Eigentum an, sondern der Staat. Sei es durch übermäßige Besteuerung, Vermögensabgaben zugunsten der „sozialen Gerechtigkeit“ oder den Eurowahn, der für die kontrollierte Vernichtung des Sparguthabens verantwortlich ist. Ein Individuum, das mit einer permanenten Enteignung zu kämpfen hat, versucht diese zu kompensieren: Für Kultur und Religion bleibt da wenig Zeit. Die Familie vergrößern? Daran mag man erst gar nicht denken!

Die Analyse zeigt: Das Nebenprodukt der Duchsetzung von Freiheit und dem Freiwilligkeitsprinzip ist die Stärkung der konservativen Quadriga.

Der Rückkopplungseffekt: Die Quadriga des Konservativismus ist zugleich Nährboden für den Liberalismus – so ist es gerade die Privatsphäre der Familie, die vor staatlichen Eingriffen schützt und eine – von libertären geforderte – natürliche Institution darstellt. Auch das Christentum ist – an dieser Stelle sollten auch Atheisten und Agnostiker zustimmen können – ein Bollwerk der Eigentumsrechte  gewesen und zugleich der Beweis, dass Staat ungleich Gesellschaft ist.

Der Konservativismus und der Liberalismus sollten sich also nicht länger aufs Blut bekämpfen und stattdessen von der möglichen symbiotischen Beziehung Gebrauch machen – sie ist begrenzt, aber vorhanden und allemal ausreichend, um sich gegen Eurorettung und Bevormundung zu wehren.

Nächste Woche widmen wir uns der Fragestellung: Führt der Individualismus zwangsläufig zur Entfremdung der Menschen oder ist er vielmehr Grundlage für ein harmonisches Zusammenleben?

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