Logbuch der Freiheit

Liberale Perspektiven – Markt, Moral, und Medien

Politisch entfesselter Sadismus: Der Indonesische Gangster-Genozid

– von Oppenheimers Verfilmung „The Act of Killing“ und dem größten Ideologiebrutkasten.

Das liberal-libertäre Menschenbild nimmt den Menschen, wie er ist – es erkennt im Menschen das Gute, das Böse, das Barmherzige und auch das Sadistische. Deswegen lehnt der Libertäre Fremdherrschaft ab, denn wenn neben guten und barmherzigen auch böse und sadistische Menschen existieren, dann darf kein Herrschaftssystem existieren, das von Menschen zweiten Typs ausgenutzt werden könnte. Selbst wenn der perfekte Demokrat und Politiker existierte: Durch geschickte Rhetorik und Manipulation gelingt es einigen immer wieder, sich in Herrschaftssystem festzukrallen und ihren Sadismus blutig auszuleben. Auch kann Macht sowie Herrschaft zum Sadismus verführen – verfügt man erst einmal über die Macht, ein menschliches Leben zu zerstören, so wird der sadistische Trieb lauter und kriecht aus seiner verborgenen Ecker hervor.

Der brillante und mit Preisen sowie Oskars überhäufte Dokumentarfilm „The Act of Killing“ (deutsch: „Der Akt des Tötens“) zeigt in ungeahnter Grausamkeit, wie Herrschaftssysteme ausgenutzt werden, um die innere Blutgier einiger auf Kosten aller zu befriedigen. Thematisiert wird das historische Massaker 1965-1966 in Indonesien. Nachdem ein Putschversuch der „Bewegung 30. September“, bei dem mehrere indonesische Generäle getötet wurden, scheiterte, rief der General der indonesischen Armee, Suharto, die „Saison der Hackmesser“ aus. Sämtliche Mitglieder der beschuldigten „Kommunisten Partei Indonesiens (PKI)“ als auch Sympathisanten sollten verhört und verschleppt werden. Die Todesschwadronen, die sich aus Militär, Paramilitär und der politisch-militaristischen Pancasila-Jugend rekrutierten, brannten ganze Dörfer nieder und töteten rund eine Million Studenten,  politisch Andersdenkende sowie Frauen. Heute ist historisch erwiesen, dass die Putsch-Beschuldigungen gegen die PKI falsch waren. Dennoch – so berichtet ein Protagonist – werde die Geschichte von den Siegern geschrieben – auch heute ist die Pancasila-Ideologie in Indonesien vorherrschend. Auch heute werden die Massenmörder als Nationalhelden verehrt. Die Angehörigen der Opfer wurden mit Berufsverboten und entzogenen Grundrechten stigmatisiert. Schon der Trailer von „The Act of Killing“ gibt einen ersten Vorgeschmack auf den grotesk-brutalen Dokumentarfilm:

Dabei setzt „The Act of Killing“ auf die Täterperspektive: Mitglieder der damaligen „Säuberungskommandos“ werden gebeten, ihre Taten nachzustellen. Protagonist ist Anwar Congo, ehemaliges Mitglied eines „Todeskommandos“. Seine Morde stellt er mit großer Freude nach – einen „Film für die ganze Familie“ wolle er kreieren, ein „Lebenswerk schaffen“, „Unterhaltung bieten“.

Blutiges Verhör

Blutiges Verhör

Eifrig dreht er Szene für Szene, ahmt seinen Hollywood-Vorbildern in den Mordszenen nach und baut sogar – zu Unterhaltungszwecken – Musicalszenen und Komödien ein. Heraus kommt ein Film, in dem die Protagonisten sich über alte Geschichten austauschen – zum Beispiel über die Vergewaltigung indonesischer Frauen („Und ich sagte ihr: Für dich wird es Hölle werden, aber für mich der Himmel.“) oder über die für sie effektivste Mordwaffe, nämlich Stacheldraht („Leise, günstig und schnell zu beseitigen.“). Es werden Verhöre simuliert, die in ihrer Barbarei kaum zu übertreffen sind – stolz entreißt Anwar einem verhörten Vater sein Kind und massakriert es (dargestellt durch einen Plüschbären).

Stolz brüsten sich die Protagonisten mit ihren Taten: Jeder versucht, den anderen in seiner Brutalität zu übertreffen. Einzelne Szenen zeigen Anwar in Fernsehtalkshows – das Publikum bejubelt ihn. Die Feste und pseudo-demokratischen Rituale der regierenden indonesischen „Demokratischen Partei“  und der Pancasila-Jugend werden gezeigt – Witze über das Abschlachten der „Kommunisten“ in den 50er Jahren rufen schallendes Gelächter hervor, die militaristische Beschwörung eines Indonesiens unter der Pancasila-Ideologie (= fünf Grundsätze der indonesischen Verfassung) und die Verfolgung von Angehörigen der ermordeten „Kommunisten“ erzeugen bebenden Beifall.

„Habe ich gesündigt?“

Wie banal ist das Böse? Wie können Menschen wie Anwar fröhlich tanzen und sich an der eigenen Grausamkeit ergötzen? Wie betäuben sie ihr Gewissen? „The Act of Killing“ lässt tief blicken – in einigen Szenen wird aus dem brutal-souveränen Anwar ein kleines weinerliches Kind, dessen Gewissen zu pochen beginnt.

Abbruch der Szene

Abbruch der Szene

Beim Besuch seines Hinterzimmerbüros, das er  „Blutbüro“ taufte, übergibt sich Anwar vor Ekel. Eine sadistische Enthauptungsszene, in der Anwars Körper geschändet wird, löst ebenso einen Brechreiz bei Anwar aus. Die Folterszene, in der Anwar die Opferposition einnimmt und sich mit verbundenen Augen und einer Drahtschlinge um seinen Kopf gefesselt auf einem Stuhl wiederfindet, muss abgebrochen werden – „Ich konnte ihren Schmerz fühlen. Er war so echt“. Verfilmt werden auch seine Albträume – monströse Gestalten bedrohen den hilflosen Anwar und rufen das Gewissen hervor.

Auch Anwar verfügt über ein Gewissen – tief verborgen hinter Verdrängung und Ideologisierung.

Die Droge Ideologie

„Ich wusste, dass das Foltern, Morden und Rauben moralisch schlecht war, aber eine innere Stimme sagte mir stets: Das Töten ist richtig, mach weiter.“, merkte Anwar an. Welche Gewalt kann eine solche Stimme erzeugen?

Es ist die staatliche Gewalt, die eine ganze Bevölkerung von der Droge Ideologie abhängig machen kann. Die aufwendige Propagandamaschinerie der indonesischen Regierung beruhigte das Gewissen der Todesschwadronen.

Da gibt es den Zeitungschef, dessen selbsterklärte Aufgabe es war, „die Feinde der politischen Führung zu verteufeln, sie zu verleumden und das Volk gegen sie aufzuhetzen“. Da gibt es die Propagandafilme, die von jeder Schulklasse zweimal jährlich besucht werden mussten und „die Kinder teils jahrelang verstörten“. 10-jährige Kinder wurden Bilder eingehämmert, in denen ein dargestellter Kommunist eine indonesische Familie brutal massakriert. Auch heute schaut sich Anwar den Film noch gerne an. Er wisse zwar, dass das dargestellte Bild der Kommunisten falsch war, aber die Szenen würden sein Gewissen beruhigen. Die Täter fühl(t)en sich im Recht – sie wurden vom ideologisierten Volk bejubelt und zehrten von der Droge Ideologie, die sie in ihrem Handeln bestätigte und jeden Zweifel unterdrückte.

"Danke, dass du mich in den Himmel geschickt hast"

„Danke, dass du mich in den Himmel geschickt hast“

Die finalen Szenen gleichen einem Gipfel der Obskurität: Anwar inszeniert an einem prächtigen Wasserfall ein Musical. Seine ermordeten Opfer beschenken ihn und danken ihm, dass „er sie in den Himmel geschickt habe“ – eine solche Szene ist das Produkt jahrelanger ideologischer Berieselung, deren Ausmaß nur durch die Gewalt eines Staates aufrecht erhalten werden kann. Ohne die kollektive Manipulation des indonesischen Volks durch staatliche Maßnahmen auf allen Ebenen hätten die haltlosen Vorwände, die zur Ermordung der Andersdenkenden verbreitet wurden, schnell entlarvt werden können. Ohne eine kollektive staatliche Manipulation hätten der Verstand und das Gewissen möglicherweise obsiegt.

Neue Wege, absolute Kontrolle – Ideologie auf staatlichem Level.

Ideologie ist ein allgemeines Phänomen, das sich nicht auf die Politik begrenzt. Auch im Privaten können verirrte Ideologien verheerend und blutig sein. Doch sie begrenzen sich meist nur auf einzelne Kreise, deren Einflussbereich sich in Grenzen hält. Erst durch die Ebene der Politik und die Ebene des Staats ist die vollkommene und restlose Ideologisierung einer ganzen Bevölkerung möglich. Während der Ideologie im Privaten Mittel und Wege fehlen, kann sich der Staat problemlos Zugang zu allen Lebensbereichen verschaffen. Er macht die kollektive Traumatisierung von Opfern und Tätern möglich und kann ausgenutzt werden, um ganze Bevölkerungen für die eigene Sache und Ideologie zu instrumentalisieren.

Schaffen es einzelne, die Herrschaft an sich zu reißen, so können sie die staatlichen Institutionen als Petrischale und Brutkasten für ihre meist perversen Vorstellungen nutzen, indem der wahre oder vermeintliche Feind zum absoluten Schrecken degradiert wird, damit die eigene Mordlust und Gier eine Rechtfertigung erthält. Die Lösung liegt in der größtmöglichen Reduzierung des politischen Einflusses. Es gilt: Je kleiner der Staat, umso geringer die potentielle ideologische Verseuchung.

Abschließend ein Zitat des verstorbenen liberalen Vordenkers Roland Baader:

Liberale Legende: Roland Baader

„Politik ist immer fremde Verfügungsgewalt über mein Leben (über mehr oder weniger große Teile meines Lebens). Und dafür gibt es – wenn ich eine solche Verfügung ablehne – keine logisch oder ethisch haltbare Legitimation. Alle und jede Politik ist im Kern Unrecht und Tyrannei, Unfriede und Gewalt.“ — Roland Baader, Freiheitsfunken II.

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